# 2 13.05.2020 – Schreibgespräch mit Dagmar Weiss

Kommentare 1
Lesung

Dagmar Weiss ist bis Ende Mai Gastkünstlerin im Haus der Artists Unlimited. Die Corona-Krise begann kurz nach ihrer Ankunft in Bielefeld. Im Zeitraum zwischen dem 20. April und 11. Mai 2020 führten Dagmar Weiss und Jana Wieking (Kuratorische Assistenz, Kunstverein Bielefeld) ein Schreibgespräch via E-Mail. In ihren Antworten formuliert die Künstlerin ihre Perspektive auf die aktuelle Situation und geht auf ihre eigene künstlerische Arbeit ein. Neben den Fotografien und Videoarbeiten gehört die textliche Produktion seit jeher zu ihren künstlerischen Ausdrucksmitteln.


Liebe Dagmar,

seit März wohnst und arbeitest du als Gastkünstlerin bei den Artists Unlimited. Welchen Einfluss hat die Corona-Krise auf deinen Aufenthalt in Bielefeld und inwieweit verändert sie deine ursprünglichen Vorhaben? Bist du froh deinen Gastaufenthalt fortsetzen zu können, oder wärst du momentan lieber in deiner gewohnten Umgebung in Berlin?

Liebe Jana,

ich bin Anfang März hier in Bielefeld angekommen, da war die Corona-Krise noch nicht abzusehen, aber dann ging das ja sehr schnell los. Die erste direkte Auswirkung für mich war, dass alle Veranstaltungen und auch all meine geplanten Ausstellungen abgesagt wurden. Es wurde immer klarer, dass ich nicht auf die Art würde arbeiten können, wie ich es für gewöhnlich tue. Zumindest nicht, was die konkrete Produktion von neuen Videos angeht, denn das involviert immer mehrere Menschen, auch auf gegebenenfalls engerem Raum: ich brauche Darsteller, Assistenten, eine Drehlocation …
Das ist schon sehr schade, denn hier in Bielefeld wären die Bedingungen dafür ziemlich ideal gewesen: normalerweise sind Aufenthaltsstipendien für die eigentliche Produktion von neuen Arbeiten für mich gar nicht so geeignet, dann fehlt mir meist mein Berliner Netzwerk von Leuten, die mir Equipment oder auch mal ein Auto leihen oder mir assistieren können.
Durch das Artists Unlimited Haus wären solche Probleme aber ganz einfach zu lösen gewesen, hier wohnen und arbeiten ja sehr viele Leute, die alle in verschiedensten künstlerischen Feldern aktiv sind und mit ihrer jeweiligen Expertise helfen können. Das ist schon eine luxuriöse Situation, sogar das Filmhaus ist im selben Gebäude.
Die Situation hier im Haus ist für mich auch in Bezug auf das Sozialleben zu Corona-Zeiten eigentlich ein Glücksfall. Es ist zwar schade, dass es unter den derzeitigen Bedingungen viel weniger Austausch gibt, und ich mit den meisten Bewohnern des Hauses viel weniger zu tun habe als es sonst möglich wäre, aber immerhin in zwei Haushalten hier bin ich quasi adoptiert, also Teil des Kernhaushalts und dadurch sozial eingebunden.
Im Hof und Garten ist außerdem genug Platz, dass man auch mit den anderen Leuten hin und wieder unproblematisch den nötigen Abstand einhalten und Zeit verbringen kann.
Im Vergleich zu dem, was ich aus Berlin höre, empfinde ich die Stimmung in Bielefeld auch generell als relativ entspannt und genieße es, den Teutoburger Wald quasi vor der Haustür zu haben, anstatt überfüllter Berliner Parks.

Was meine Arbeit angeht, sieht es nun so aus, dass ich zum Glück jenseits der eigentlichen Videoproduktion (also dem Dreh und den direkten Vorbereitungen dafür) gar nicht so eingeschränkt bin.
Alle konzeptionelle Arbeit ist ja weiterhin möglich und die Gelegenheit ist gut um zu schreiben und an Texten zu arbeiten, was ja von jeher mein zweites wichtiges Ausdrucksmittel (neben der Kamera) ist. Damit es nicht zu kopflastig wird, habe ich mit einer Knetanimation angefangen, die ich schon lange vorhatte und für die bisher immer Raum und Zeit fehlten.
Insgesamt habe ich das Gefühl, dass ich gerade durch meine künstlerische Arbeitsweise fast so was wie einen Vorteil in der derzeitigen Situation der Corona-Krise habe, denn mein Arbeiten würde ich prinzipiell oder schon immer als krisenbestimmt bezeichnen. Im Normalfall sind es halt eher persönliche Krisen in verschiedensten Formen, die zugrunde liegen, und nun ist es eine ganz allgemeine.
Damit meine ich, dass Auslöser und Grundlage meiner Beschäftigung mit bestimmten Themen immer Situationen oder Zustände, bzw. Erfahrungen davon sind, die ich als nicht einfach so hinnehmbar empfinde, die mich selber und meine Identität, oder mein Weltbild grundlegend in Frage stellen oder meinen Vorstellungen davon, wie das Leben oder die Welt eigentlich sein sollte, schmerzhaft zuwider laufen. Auf dieser Art von Unverdaulichkeiten kaue ich dann herum, bis im besten Falle eine Arbeit daraus wird.
Insofern interessieren mich auch immer die (eigenen wie auch gesellschaftlichen) Unsouveränitäten, Momente der Orientierungslosigkeit, Ängste.

Setzt du dich denn in deiner konzeptionellen Arbeit konkret mit der aktuellen Krise auseinander? Findet eine inhaltliche Auseinandersetzung auch in der Knetanimation statt? Oder ist es vielmehr das Taktile des Materials, das dich daran interessiert? Die Kontaktsperre und körperliche Distanz hat ja großen Einfluss auf unser Miteinander und verändert unsere Kommunikation sehr stark.

Ja, das tue ich.
Die Knetanimation ist allerdings eine ältere Idee, die ich jetzt realisiere, sie hat insofern keinen aktuellen Bezug. Es gibt aber diese interessante Parallele, dass das direkte und taktile daran eine Art Ausgleich für mich ist, als Gegengewicht zu der manchmal allzu kopflastigen Arbeit an meinen Videoinstallationen. Auf die Dauer fehlt mir diese Art der Beschäftigung sonst, ähnlich wie man jetzt den Mangel an physischer Präsenz im Kontakt mit anderen Menschen spürt.

Dagmar Weiss, Videoausschnitt, 2020

Genau der Aspekt der körperlichen Distanz, den du in der Frage ansprichst, ist es auch, der mich an der jetzigen Situation mit am meisten interessiert, bzw. noch ein bisschen umfassender: die Körperlichkeit insgesamt.
Der menschliche Körper spielt in meinen Arbeiten immer schon eine wichtige Rolle. Zum einen als Ausdrucksmittel: oft nutze ich ihn als eine Art Metapher; eine Körperhaltung oder Bewegung steht gewissermaßen für etwas Innerliches, Mentales. Dabei ist es auch die Körperlosigkeit des Mediums Fotografie oder Video (im Grunde genommen beides nichts als Licht, das ein Bild erzeugt), durch die das körperliche, physische (die abgebildete(n) Person(en) und ihre Bewegung oder Haltung) zu etwas Immateriellem wird.
Mich interessiert der Körper aber auch generell als die Schnittstelle zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Dabei meine ich mit Fiktion hier jegliche geistige Konzeption von Realität, also auch das vorgestellte Wirkungsgefüge, was ein jeder sich aus all seinen Wahrnehmungen und seiner Interaktion mit seinem Umfeld/der Welt konstruiert.

Jetzt an der Krise sehe ich einige spannende Aspekte.
Die Krankheit selbst ist ja auch ein körperliches Phänomen.
Ich glaube z.B., dass derartig drastische politische Maßnahmen, wie sie im Moment getroffen und vergleichsweise widerspruchslos auch akzeptiert werden, nur dadurch durchsetzbar sind, dass die konkret empfundene Bedrohung eine sehr körperliche und gerade darin eben persönliche ist.
Dabei liegt die eigentliche Gefahr gar nicht darin, als Einzelperson eventuell krank zu werden. Sofern man nicht zu einer Risikogruppe gehört, wäre das womöglich sehr unangenehm, aber auch nicht wesentlich unangenehmer als alle möglichen anderen Erkrankungen.
Das Problem liegt stattdessen in der befürchteten Überlastung des Gesundheitssystems und die ist für den einzelnen eine ähnlich abstrakte Gefahr wie beispielsweise der Klimawandel.
Ähnlich drastische Maßnahmen sind in Bezug auf den Klimawandel aber ausgeblieben oder waren politisch bisher nicht durchzusetzen. Das liegt an mehrerlei Gründen, der Faktor Zeit, also wie schnell bestimmte Maßnahmen eine Wirkung zeigen, spielt zum Beispiel eine Rolle, aber meiner Einschätzung nach liegt es u.a. auch genau daran, dass dort nicht im selben Maße ein Gefühl der persönlichen, nämlich körperlichen Betroffenheit existiert: im Grunde genommen ein irrationales, aber körperliches Bedrohungsgefühl. Mit und anhand des Körpers konstruieren wir das, was als real empfunden wird, das wird gerade sehr deutlich.

Dann ist da außerdem die spezielle Situation mit der Kontaktsperre und den Distanzierungsmaßnahmen, die riesige Auswirkungen auf die Kommunikation haben.
Die Distanzierung selbst ist ja auch eine Art der Kommunikation. Ein körperliches Abrücken von jemandem oder Zurückschrecken vor Berührung hat für gewöhnlich eine sehr deutliche Aussage.
Nicht umsonst hätte man zu anderen Zeiten eventuell gesagt: „Das gibt mir das Gefühl, als wäre ich infektiös!“ Was vermittelt wird, ist Abgestoßen-Sein oder Ekel, also eine extrem negative Botschaft. Und – zumindest mir – fällt es durchaus schwer, mich davon nicht zu sehr emotional treffen zu lassen, auch von der allgemeinen Stimmung, die durch diese Verhaltensweisen entsteht, obwohl mein Intellekt ganz klar weiß, dass es in diesem Falle ja nichts Persönliches ist.
Am besten hilft dagegen noch der Versuch, es durch eine extrem freundliche und zugewandte Mimik und Umgehensweise zu mildern, ich lächele den Leuten direkt ins Gesicht, während ich ihnen ausweiche, dadurch bekommt die Situation dann wiederum eine ganz eigentümliche Ambivalenz.
Der Körper, also die Körpersprache und -beziehungen zwischen den Menschen, kreieren in ihrer Interaktion auch eine Form von sozialer Realität.

Inwiefern der Körper als Realitätsproduktionsort funktioniert, wird gerade auch deutlich an der ganzen quasi „körperlosen“ Kommunikation; d.h. den Telefonaten und Videogesprächen. Ich finde extrem spannend, was für Realitätsverschiebungen durch virtuelle Kommunikation passieren, also wie das Gegenüber fast schon in mehrere Realitätsebenen zerfällt, z.B. die Stimme, das Bild, die Erinnerungen …, die dann verschiedenartig und in wechselnder Gewichtung von einem selbst wieder zusammengesetzt werden müssen. Die Stimme ist dabei noch das Unmittelbarste (und auch als Schallwellen Physischste), alles andere eben nur vermittelt und darin verfremdet.
Ich hatte neulich zum Beispiel ein Videogespräch mit einem Freund, bei dem aus irgendwelchen technischen Gründen eine sehr lange Latenz bei der Übertragung des Videos entstanden ist; d.h. ich habe die ganze Zeit ein Bild gesehen, das schon mindestens 10 Sekunden alt war. Ich hörte seine Stimme etwas erzählen und sah ihn dabei nur gedankenverloren gucken, oder sein Bild lachte, während ich etwas Ernstes erzählte. Das war natürlich vollkommen irritierend und hat auch wiederum eine ganz spezifische Gesamtsituation ergeben, wie von einer brüchigen Realität, die immer wieder unerwartet zerfällt.

Die Erfahrungen, die du beschreibst, habe ich ähnlich erlebt und wahrgenommen. Was glaubst du, inwiefern diese veränderte Körperlichkeit und Kommunikation unser gesellschaftliches Zusammenleben nachhaltig verändern werden?

Schwer zu sagen!
Die Frage nach den längerfristigen Folgen von Corona ist zur Zeit ja in aller Munde und ich kann natürlich auch nicht besser einschätzen, wie sich alles weiter entwickeln wird, als jede*r andere.
Prinzipiell funktioniert die Krise als Verstärker, bestehende Ungleichheiten werden z.B. noch extremer. Es gibt zwar durchaus einige optimistische Stimmen, die das ganze positiv als Beweis einer prinzipiellen gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit sehen sowie als Chance, bestimmte eingefahrene Verhaltensmuster endlich aufzubrechen. Ich persönlich bin aber eher skeptisch. Ich habe das Gefühl, dass die von der Krise ausgelöste generelle Verunsicherung konservative Tendenzen noch verstärken wird (und das auch bereits tut).
Wenn fast alles unsicher und instabil scheint, sucht man umso mehr nach Halt, und die einfachste Lösung dafür ist, wo es nur geht an Althergebrachtem und Bekanntem festzuhalten.
Im Feld des Zwischenmenschlichen wird dieser Rückzug auf das Bekannte und Vertraute sowohl durch die Maßnahmen selbst als auch durch die Angst vor der Krankheit noch verstärkt: eine physische Nähe ist derzeitig nur noch im allerengsten und schon altbekannten Kreis erlaubt, für neue Begegnungen jenseits dieses Rahmens bietet sich kaum Gelegenheit.

Es passiert also ein Rückzug, Grenzen werden deutlicher gezogen und verstärkt und konservative Strukturen festigen sich dadurch. Im privaten Rahmen ist das dann z.B. die sogenannte Kernfamilie, deren Status kaum mehr hinterfragt wird, und im großen sind es die Nationalstaaten.
Selbst wenn nach und nach die offiziellen Maßnahmen und Kontaktbeschränkungen langsam wieder zurückgenommen werden, heißt das nicht unbedingt, dass die Gefahr der Pandemie gebannt sein wird. Und selbst wenn es gelingt, einen Impfstoff zu produzieren und von Covid 19 keine Gefahr mehr ausgeht, hat sich bereits das allgemeine Gefahrenbewusstsein geändert: wir wissen jetzt auf eine neue und sehr konkrete Art um unsere Verletzlichkeit, sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft. Das ist erstmal positiv, wenn die Realität des Sterben-Müssens wahrgenommen und nicht verdrängt wird. Doch auch die Angst vor Ansteckung bzw. Seuchen verschwindet nicht einfach wieder, und daher befürchte ich, dass eine Tendenz zur Abschottung und Skepsis und Angst statt Offenheit und Neugier gegenüber Fremdem bleiben bzw. sich verstärken wird.
Ich glaube, wichtiger, als unsichere Zukunftsprognosen zu äußern, ist es jetzt, ganz genau hinzuschauen, was gerade passiert, gesellschaftlich wie auch im privaten Umfeld. Auf dieser Grundlage kann man dann versuchen mit der aktuellen Situation einigermaßen bewusst umzugehen, d.h. sich nicht nur in bestehende Verhältnisse einzufügen, sondern immer die Fragen im Kopf zu behalten: was für einen Umgang mit anderen will ich eigentlich, was für ein Leben, was für eine Welt?
Das ist meiner Meinung nach die Rolle, die Kunst in der Corona-Krise – und auch sonst – spielen kann (und sollte): solche Fragen immer wieder neu auf den Tisch zu packen.

Momentan sind alle Museen geschlossen, viele Ausstellungen verschoben. Welche Ausstellungen waren bei dir für dieses Jahr noch geplant? Wäre es denkbar deine Videoarbeiten auch online zu zeigen?

Ja, auch bei mir ist einiges ausgefallen: Mitte April hätte ich in Berlin in der Zwitschermaschine auf Einladung von F.S. Blumm mit ihm gemeinsam in der Ausstellungsreihe „Gegenseitig: F.S. Blumm lädt ein“ ausgestellt; das fand natürlich nicht statt und ich hoffe sehr, dass es im Herbst nachgeholt werden kann. Genauso ist es mit der Ausstellung im Rahmen des Aufenthaltsstipendiums hier in Bielefeld in der Galerie bei Artists Unlimited, es war geplant meine Videoarbeit „Buxus“ zu den Bielefelder Nachtansichten zu zeigen. Auch das wird hoffentlich nachgeholt. Es steht, soweit ich weiß, aber noch nicht fest, ob die Nachtansichten zu dem Termin, auf den sie jetzt verschoben wurden, wohl stattfinden können. Auch bei dem Artists-Unlimited-Jubiläumswochenende hätte ich mich gerne beteiligt.

Im Juli hätte ich in Kassel in der alten Brüderkirche in einer spannenden Veranstaltungsreihe ausstellen können, in der zeitgenössische Kunst mit Neuer Musik in Dialog gesetzt wird. Da ist momentan noch vollkommen unklar, ob die ursprünglich für dieses Jahr geplanten Veranstaltungen im nächsten Jahr nachgeholt werden oder einfach komplett ausfallen.

Immerhin wird eine Präsentation im Grand Palais in Bern stattfinden. Dort gibt es einen außen in die Galeriefassade eingelassenen hochformatigen Monitor, auf dem das Jahr über unter dem Titel „Nine to Five“ Videoarbeiten von verschiedenen Künstler*innen gezeigt werden sollen. Ein Video aus meiner Arbeit „Personal Training“ wird die Reihe am 15.5. eröffnen.
Das war auch vor der Corona-Krise schon geplant, zwischen den regulären Ausstellungen im Innenraum, um die Umbauphasen zu überbrücken. Jetzt kommt der Reihe natürlich nochmal eine ganz andere Bedeutung zu.

Ich halte die Verlagerung von Kunstpräsentation in den Außenraum in der jetzigen Situation für einen vielversprechenden Ansatz, den es sich lohnen würde weiter zu verfolgen. Infrastruktur dafür ist ja im öffentlichen Raum in Form von Werbeflächen in diverser Form schon vorhanden. Natürlich ist so eine Präsentationsform nicht für alles gleich gut geeignet.
Das empfinde ich auch als problematisch bei den virtuellen Präsentationen, die zur Zeit in fast allen kulturellen Kontexten als Ersatz bemüht werden.

Ich habe das Gefühl, dass man sich bisher kaum darüber Gedanken macht, ob die Form dem Inhalt gerecht wird, es scheint eher darum zu gehen auf Teufel komm raus präsent zu bleiben. Das ist durchaus verständlich, gerade für kleinere und unabhängige Institutionen, die teilweise  um ihre Existenz bangen müssen.
Aber wenn ich Lust habe in ein Museum oder ins Theater zu gehen, werde ich mir sicher nicht stattdessen die Videodokumentation einer Aufführung oder eine virtuelle Führung im Internet anschauen, denn die physische Präsenz der Werke bzw. die körperliche Präsenz der Darsteller ist ja genau was den Museums- oder Theaterbesuch aus macht. Genauso ist es mit Vorlesungen oder Panels. Es gibt gerade eine Schwemme von im schlimmsten Fall einfach mit der Handykamera schlecht aufgenommenen Talking-Heads, die Vorträge zu an sich sehr spannenden politischen oder wissenschaftlichen Themen halten.
Da würde es meines Erachtens wesentlich mehr Sinn machen, das zu verschriftlichen. Es ist vollkommen etwas anderes einer Vorlesung vor Ort zuzuhören, als so ein Video anzuschauen. Nur zuhören wäre schon weniger anstrengend, aber da die Vortragenden in den seltensten Fällen eine Sprecherausbildung haben und sich deutlich artikulieren, ist es ohne das Bild meist sehr schwer zu folgen.

Mit Kunst ist es ähnlich. Die verschiedenen künstlerischen Medien verlangen verschiedene Präsentationsformen, und vieles funktioniert virtuell gar nicht oder ganz anders.
Meine eigenen Videoinstallationen z.B. ziehen sehr viel aus der räumlichen Anordnung und der Gleichzeitigkeit der Projektionen. Die einzelnen Videos sind Loops, es ist nicht nötig oder so gedacht, dass man sie von vorne bis hinten durchschaut. Stattdessen steigt man an beliebiger Stelle ein und kann jederzeit – ggf. nur durch die Drehung des Kopfes – in einen anderen Videoloop hineinschauen, dort hängenbleiben oder auch nicht …
Natürlich präsentiere ich all meine Installationen auch auf meiner Webseite, und die einzelnen Videos finden sich alle bereits online.
Doch das empfinde ich immer schon als eine im Grunde genommen unzulängliche Präsentationsform, nur eine Art Preview oder eine Dokumentation meiner Arbeiten. Von daher scheint mir auch nur mäßig sinnvoll, einzelne Videos meiner Arbeiten jetzt in Online Galerien zu zeigen, der Vorteil wäre dann einzig, dass es nochmal mehr und andere Leute erreicht, als meine eigene Webseite es tut.
Gerade deswegen habe ich mich auch sehr über deinen Vorschlag zu diesem Gespräch gefreut. Das bietet hoffentlich nochmal einen anderen Zugang zu meinen Arbeiten.
Wirklich interessante Ansätze von virtueller Präsentation habe ich sonst bisher leider kaum gesehen. Spannend wäre meiner Meinung nach z.B. zu schauen, was es im Bereich des Online-Gaming schon an interaktiven Formaten gibt und wie man sie im kulturellen Rahmen einbinden könnte.

Darüber nachzudenken braucht aber eben Zeit.


Dagmar Weiss (*1978 Marburg (Lahn), lebt und arbeitet in Berlin) studierte Fotografie und Film-Design an der Fachhochschule Bielefeld und an der Aalto University School of Art and Design, Helsinki, Finnland. Einzelausstellungen zeigte sie zuletzt in der Galerie 21 im Vorwerk Stift, Hamburg (2019), im WerkStadt Kulturverein Berlin e.V. (2019) und im Künstlerhaus Lauenburg (2017). Die Künstlerin war in zahlreichen Gruppenausstellungen vertreten, unter anderem in der „69è Edition von Jeune Création“ in Romainville, Frankreich (2020), in der „Monitoring – Ausstellung für Medieninstallationen“ im Rahmen des Dokfest Kassel (2019), im Studio 1 im Kunstquartier Bethanien, Berlin (2015) und in der Galerie Artists Unlimited (2015).

Der Verein Artists Unlimited wurde im Jahre 1985 gegründet, um gestalterischem Arbeiten und gemeinsamen Wohnen einen Platz zu bieten. Eine der ersten Visionen von Artists Unlimited war es, Räumlichkeiten für Gastkünstler*innen im Haus zu integrieren.

1 Kommentar

  1. Danke für die anregenden Überlegungen! Die Parallelen zwischen (machmal unfreiwillig amüsanten oder auch anstrengenden) Videogesprächen und „-konferenzen“ und der Vermittlung von Kunst liegen nach meiner Wahrnehmung auf der Seite der Produzenten (Beispiel: qualitativ und formal problematische Aufnahmen oder Sendebedingungen) – aber auch bei den Empfängern. Deren Datenempfang, Hardware und Software bestimmen auch bei „perfekten“ Sendebedingungen, was ankommt und wie sie es wahrnehmen können. Und ob das noch den Intentionen der Sender entspricht – und ob dann deren Erkenntnis hierüber wieder auf die Ausdrucksform  künftiger (Kunst-)Produktion zurückwirkt …

Schreibe einen Kommentar